Grußwort



In diesem Jahr findet unsere „Woche“ zum vierten Male statt. Wenn man einen vergleichenden Rückblick auf die letzten Veranstaltungen wirft, wird eines deutlich: In den letzten Jahren ging es hauptsächlich um die Informationen und Diskussionen spezieller Aspekte im Leben von Menschen mit Down- Syndrom und deren Familien.

In diesem Jahr ist es anders: unser Verein ist spürbar älter geworden und damit hat sich auch der Blick für das gesamte Thema „Anders-Sein“ geweitet. Nachdem die ersten Schritte und Entscheidungen für die Kleinsten und Heranwachsenden erfolgt und zum Teil sehr schwierige und belastete Zeiten durch Schwersterkrankungen einiger Kinder Gott sei Dank durchstanden sind, ist Raum entstanden, die Vielfalt von Lebensmöglichkeiten und -entwürfen offen aufzunehmen.

Auf dieser Basis erstaunt es nicht, dass wir zunehmend interessiert daran sind, nicht nur über Teilaspekte dieses Lebens zu reden, sondern vielmehr in direktem Kontakt und Austausch zu stehen mit Menschen, die „anders“ sind als wir „Normalen“. Und an diesem Punkt ist uns klar geworden, dass der gesellschaftliche Bedingungsrahmen für dieses gemeinsame, gleichwertige Leben noch längst nicht optimal ist:

  • defizit- und defektorientiertes Wahrnehmen und Denken von/über Menschen mit    normabweichenden Eigenschaften

 

  • ungenaues, veraltetes (Fach-)Wissen als Stimulanz für Vorurteile auf allen Ebenen

 

  • eine aus eigener Angst vor Abweichung auffällige Abwehr gegenüber anders verlaufenden, möglicherweise sperrigen Biographien

 

  • eine zwanghafte Festschreibung von explizitem Leistungsnachweis als Indikator für Lebensqualität,


diese Umstände führen noch immer zu Missverständnissen und Konflikten mit u.a. Ärzten, Therapeuten, Pädagogen, Beamten und entsprechenden Institutionen.

“Integration“ – der Terminus, der so viele Hoffnungen beinhaltet wie das Eingebundensein in die nächste soziale Umgebung, die selbstverständliche Möglichkeit, mit den Nachbarskindern gemeinsam entsprechende Einrichtungen wie Kindergarten, Schulen, Ausbildungsstätten wählen zu können, gewachsene Freundschaften, gemeinsame Berufsmöglichkeiten – diese „Integration“ scheint noch Zeiten der Reifung zu brauchen.

Bei aller inneren und äusseren Anstrengung um die Realisierung dieser Wünsche, Ansprüche, Rechte, bei Gefühlen von tiefster Enttäuschung bis hin zu sieghafter Euphorie sollte nicht übersehen werden, dass genau diese Zerreißproben oftmals Kräfte binden , die dem Gesamtprozess einer Aufdeckung und allgemeinen Verständlichmachung des so wertvollen Andersseins unserer Kinder abgezogen werden.

Wir wollen Integration!
Also leben wir sie doch vor.

Zeigen wir, dass es neben der gesellschaftlich gefestigten Hauptstrasse vorgegebener Lebensmuster, neben glatter Asphaltierung und Blicklosigkeit, doch auch Nebenstrassen und Nischen gibt, die uns, unseren Kindern und inzwischen auch vielen Anderen Momente von Sinnhaftigkeit und Freude schenken, die es zu stabilisieren gilt.

In dieser „Woche des Down-Syndroms“ haben wir das Glück, an fast allen Veranstaltungen Menschen mit Down-Syndrom vermittelt oder direkt kennenlernen zu dürfen, weil sie hier erstmals aktiv das Programm mitgestaltet haben. Dieser Wunsch von uns ist in Erfüllung gegangen. Es wird auffallen, dass diese Menschen „integriert“ leben bei mehr oder weniger erfolgter Begleitung durch “integrative“ Einrichtungen. Ihr deutlich “integriertes“ Leben hat sich innerlich entwickelt – durch ihre eigene individuelle Ausstattung sowie der liebevollen, kundigen Begleitung durch ihre aufmerksame Umgebung.

Lassen Sie uns freuen an dieser „Hochleistung“, die durchweg jenseits von wünschenswerten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erzielt wurde.

Lassen Sie uns besinnen und vertrauen auf viele Möglichkeiten integrierten Zusammen- Lebens!

Lassen Sie uns zusammenrücken, wenn es darum geht, phantasievolle, angemessene Wege für unsere Kinder oder besser: mit ihnen gemeinsam zu entdecken. Lassen Sie uns die besondere Freiheit unserer Kinder wahrnehmen, von der wir so viel brauchen könnten.

Ich wünsche Ihnen und uns viele Begegnungen!

Chr. Joost-Plate, Vorsitzende Down-Syndrom Hannover e.V

 

Montag, 14.10.02, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule

Dokumentarfilm: „Ich kann das schon“.
Regie: Heide Breitel, Kamera: Elfi Mikesch

Das Wesen des Menschen ist seine innere Bewegung. Wenn wir die Unterschiedlichkeit zwischen uns und anderen Menschen anerkennen, dann erkennen wir uns selbst und dadurch jeden Menschen als einzigartiges Wesen an. Um einen anderen Menschen zu verstehen, müssen wir mit ihm in den Dialog treten. Kinder mit Down Syndrom haben eine verzögerte Sprachentwicklung.

Wie können die Eltern Zugang zu ihrem Kind finden und mit ihm in den Dialog treten? Der Film begleitet drei Kinder von Frühjahr 2001 bis Sommer 2002 und dokumentiert ein Stück des Lernens auf ihrem Lebensweg und die Freude, die sie am Leben haben.

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Jonas ist zwei Jahre alt. Er fängt gerade an, die Gebärdensprache zu erlernen.

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David ist drei Jahre alt und spricht ausdrucksstark mit seinen Händen.

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Anna-Lotta ist fünf Jahre alt, sie kann sprechen. Um ihre Aussprache zu verbessern hat sie mit Lesen begonnen.

Die Eltern der Kinder erzählen von ihren Sorgen nach der Geburt der Kinder und wie sich Ihr Leben verändert und bereichert hat durch das Zusammensein mit ihnen. Frau Prof. Wilken, wegbereitend für Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom (GUK), berichtet von den Möglichkeiten des Lernens und sie arbeitet mit Anna-Lotta.

Am Ende der Dreharbeiten unterhält sich Jonas mit den Händen und beginnt einzelne Worte zu sprechen. David gebärdet kaum noch, er versucht alles nachzusprechen. Anna-Lotta liest Frau Prof. Wilken aus ihrem „ersten Lesebuch“ vor.

Der Film ist für die spätere Ausstrahlung im Fernsehen im Auftrag von ZDF, Arte und 3Sat produziert und soeben fertiggestellt worden. Nach Ihren Tätigkeiten als Fotografin, Cutterin und Dozentin für Filgestaltung produziert Heide Breitel seit 1980 Dokumentarfilme, die sich immer wieder mit der Würde des Menschen beschäftigen. Heide Breitel wird den Film perönlich einführen.


Mittwoch, 16.10.02, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee'


Dr. med. M. Glöckler: Sinn und Chance eines Lebens mit Behinderung in unserer Gesellschaft.

In einer gewinn- und erfolgsorientierten Industriegesellschaft wie der unsrigen fällt es schwer, anders zu sein.

Der Druck, zu genügen, durch Anpassung ein positives Echo zu erringen, durch die Einhaltung und Bestätigung von Standards gesellschaftlich anerkannt zu werden und sogar avancieren zu können, führen zu einem befangenen Lebenskonzept, das jegliche Unwägbarkeiten ausschließen muss.

Wenn in so ein modernes, gut- geplantes Leben unerwartet ein Kind mit Behinderung einbricht, kann es nur als Katastrophe beurteilt werden. Nach schweren Zeiten der inneren Auseinandersetzung entpuppt sich dieses Kind jedoch nach und nach als Chance oder gar als Glücksfall.

Was ist passiert? Was bringt dieses Kind besonderes mit, was vermag es bei den Eltern auszulösen? Welche Hintergründe, welche Motive führen zu dem Phänomen, dass dieses Leben außerhalb seines ursprünglichen Lebensentwurfes mit einem neuen Sinn, einer Authentizität, einer Freiheit unvorstellbaren Ausmaßes versehen wurde?

Diesen Fragen, die folgerichtig zum Schicksalsgedanken führen, wird Frau Dr. med. M. Glöckler nachspüren.

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Frau Michaela Glöckler absolvierte ihr Medizinstudium in Tübingen und Marburg, dem eine Facharztausbildung als Kinderärztin im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke sowie in der Uniklinik Bochum folgte. Nach zehnjähriger kinderärztlicher Praxis übernahm sie die Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach/Schweiz.

Publikationen: „Elternsprechstunde“,  „Begabung und Behinderung“, u.v.a. sowie Goebel/Glöckler: „Kindersprechstunde“.


Samstag, 19.10.02, 15.00 Uhr


Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee

Die integrative Theatergruppe Klabauter spielt „Glückslos glücklich"


Hans tauscht nacheinander einen Klumpen Gold gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, und die Gans gegen einen Schleifstein. Dieser fällt ihm zum Schluss in einen Brunnen, und er besitzt „nichts“ mehr. Trotzdem ist Hans bei jedem Tausch glücklich.

Kann es angehen, dass jemand alles verliert, dennoch glücklich bleibt? Ist er ein „Hans im Glück“? War Hans vielleicht der erste Behinderte in den Geschichten der Gebrüder Grimm? Solche und andere Fragen verarbeiten die „Klabauter“-Darsteller in ihrer 90-minütigen Revue. „Glückslos glücklich“ ist eine sehr bunte, sehr lustige, sehr musikalische Szenenfolge. Ein Gag folgt dem anderen. Vieles wird mit Musik und Tanz transportiert. Mit welcher Power werden die Songs gesungen! Was für tolle Darsteller! Die Freude springt ungefiltert auf das Publikum über! Die Zeit vergeht wie im Fluge.

Auch kleinere Kinder unter 12 Jahren finden „Glückslos glücklich“ lustig und verstehen vieles. Hier liegt es in der Verantwortung der Eltern, offen gebliebene Fragen zu beantworten. Klabauter ist ein Theaterprojekt aus Hamburg, in dem junge behinderte Menschen mit besonderen darstellerischen Fähigkeiten als professionelle Schauspieler arbeiten.
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Montag, 21.10.02, 20.00 Uhr


 

Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee

Ines Boban: Emanzipation von Menschen mit Down-Syndrom - neue Lebenswege.


Vom Sonderkindergarten über die Sonderschule in die Werkstatt für behinderte Menschen und ins Wohnheim – das ist der traditionelle und immer noch weitgehend übliche Lebensweg für Menschen mit Down-Syndrom.

Gemeinsames Leben und Lernen im integrativen Kindergarten und der allgemeinen Schule, in der integrativen berufliche Bildung und bei der Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt - ist das möglich? Wie selbstbestimmt kann das Leben sein, wie selbstverständlich?

Ines Boban spricht über das Leben einiger junger Menschen mit Down-Syndrom, die neue Wege beschritten haben und die sie auf diesem Weg begleitet hat. Sie berichtet über deren Leben, deren Werdegang und Arbeit und über deren Erfahrungen mit dem „Anderssein“.

Und sie zeigt, wie mit Unterstützerkreisen und Zukunftskonferenzen solche, heute noch ungewöhnlichen Lebenswege, gemeinsam entwickelt und begleitet werden können.

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Ines Boban war elf Jahre lang als Sonderpädagogin in Integrationsklassen tätig und in der wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs „Gemeinsamer Unterricht in der Sekundarstufe I“ aktiv. Sie ist Mitbegründerin des „Vereins Werktadthaus Hamburg“ und des Integrativen Zweckbetriebs „Stadthaushotel-Altona“. Parallel verfaßte sie diverse Publikationen.


Donnerstag, 24.10.02, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee


Frau Prof. E. Wilken: Was bedeutet es, einen Bruder oder eine Schwester mit Down-Syndrom zu haben?
Erfahrungen von Geschwistern, Konsequenzen für die Familie.


Die Beziehung zwischen Geschwistern und ihre prägende Wirkung sind schon oft untersucht worden. Auch die besondere Situation von Geschwistern, die behinderte Brüder oder Schwestern haben, ist bereits vielfach dokumentiert worden.

In einer umfangreichen Fragebogenaktion wurden jetzt die behindertenspezifischen Aspekte von Geschwistern von Menschen mit DS von Frau Etta Wilken erfasst. Die berichteten Erfahrungen werden vorgestellt und die mögliche Folgerungen für Familien sollen diskutiert werden.


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Frau Prof. Dr. Wilken hat seit 1972 den Lehrstuhl für Allgemeine und Integrative Behindertenpädagogik der Uni Hannover inne und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Internationalen Liga für Menschen mit geistiger Behinderung.

Seit bald 30 Jahren widmet sich Frau Wilken dem Thema Down-Syndrom. Neben dem Angebot zahlreicher Seminare für Eltern von Kindern mit Down-Syndrom (seit 1978) hat sie sich vor allem in dem Gebiet der Sprachentwicklung einen Namen gemacht (Gebärden- unterstützende Kommunikation, GuK)

Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee




„Markt der Möglichkeiten“

Zahlreiche Institutionen nehmen die Gelegenheit wahr, sich vorzustellen. Kindergärten, Schulen, Berufs- und Lebenseinrichtungen für Menschen mit „Behinderung“ sollen die Variationsbreite von Lebensgestaltungsmöglichkeiten aufzeigen.

Auch im Freizeitbereich gibt es viele Beispiele ganz normalen Dabeiseins. Es gibt schöne Mitmachaktionen für die kleinen Leute. Nicht zuletzt betreibt ein integrativ arbeitendes Café die Kaffeestube.

Schon im letzten Jahr erfreute sich der “Markt der Möglichkeitenn? größter Beliebtheit. Neben intensiver Information bestach er vor allem durch die besondere Athmosphäre und den unkomplizierten Umgang mit vielen vollkommen unterschiedlichen Menschen.

Natürlich wird auch wieder eine breite Produktpalette (landwirtschaftliche Erzeugnisse, Holz-, Werk- und Schneiderarbeiten, Geschenkartikel, Spielzeug etc.) zum Kauf angeboten. Wie immer wird es während der gesamten “Marktzeit" eine Kinderbetreuung geben.

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Sonntag, 27.10.02, 10.00 Uhr


Marktkirche Hannover


Abschlußgottesdienst mit Pn. C. Panhorst-Abesser


Zum Ausklang der Wochen des Down-Syndroms laden wir Sie zu einem Gottesdienst in die Marktkirche Hannover ein. Das diesjährige Thema der Down-Syndrom Wochen „Menschen mit Down-Syndrom – Künstler und Lebenskünstler“ wird Mittelpunkt der Predigt und Ansprache von Pastorin Panhorst-Abesser sein.

Junge Menschen aus unserem Verein und aus deren Freundeskreis werden erstmals mit Lesungen, Gedichten und Fürbitten einen aktiven Beitrag zum Gottesdienst leisten und allen Anwesenden damit Kraft schenken und Verbundenheit spüren lassen.


Sarah Felix Judith und Stomatis

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Herzlichen Dank Herrn Prof. Jörg Straube sowie den Mitgliedern des Bachchores Hannover, die zur Feierlichkeit und musikalischen Bereicherung des Gottesdienstes in ganz besonderer Weise beitragen werden.