Grußwort



Das „Jahr des Kindes", das „Jahr der Frau", das „Jahr des Baumes"- unendlich erscheint die Liste der vergangenen Jahreszuordnungen. 2003 ist nun (sogar!) das „Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung“. Was bedeutet dies konkret?

Behindertenverbände aller Couleur fordern selbstbewusst neue Gesetzesentwürfe zu Gunsten wertgleicher Lebensformen, vermehrter Chancen für integrative Schul- und Berufsausbildungen, allgemein anerkannter Mitbestimmung bis hin zum Wahlrecht auf verschiedensten Ebenen.

Politiker nehmen diese Thematiken wahltaktisch klug auf, um immer wieder sprachgewandt und variationsreich auf die Legitimität solcher Forderungen hinzuweisen. Und was passiert wirklich?

In der Region Hannover gibt es sehr wenige Kindergärten, immerhin einige Kinderläden und Krabbelgruppen, die Kinder mit sog. Behinderung unbürokratisch aufnehmen. Eine Möglichkeit für die Einrichtung von Integrationsplätzen könnte über die Inanspruchnahme einer zusätzlichen Sonderbetreuung/ -förderung geschaffen werden, die aber wegen vermehrter Kosten und Aufwände gern abgelehnt wird.

Eine zugespitzte Situation finden wir in den Regelschulen, die seit Veröffentlichung der Ergebnisse der Pisa-Studie kaum Interesse zeigen, sich Gedanken um neue, komplexe und interdisziplinäre Lern- und Erfahrungszusammenhänge zu machen.

Die Ausrichtung gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Handelns an stetig steigender Leistung unter rigorosem Wettbewerbsdruck erfährt eine neue Dimension. Die Ausbildungs- und Berufschancen für Menschen mit Behinderung bestätigen dies in desillusionierender Weise. Aber: können wir dem „Jahr der Menschen mit Behinderung“ nicht einen anderen Sinn geben?

Gott sei Dank hat jeder von uns die Möglichkeit, einen eigenen Zugang zum Thema „Behinderung“ zu finden. Was kann man unter diesem Begriff verstehen? Klar: geläufig sind Assoziationen wie „leistungsschwach, hilfebedürftig“, dabei „meist freundlich und harmlos“.

Wenn man den Begriff „Behinderung“ näher betrachtet, dann wird deutlich: Menschen mit Behinderung fallen deswegen auf, weil sie sich in ihrer Äußerlichkeit und/ oder ihrem Ausdruck von unseren jahrelang trainierten Codes unterscheiden.

Das Verhindertsein, das Nicht Funktionieren können in dieser Kommunikation und die Notwendigkeit einer alternativen Verständigung kann zur lebenslänglichen, unwiderruflichen Ab-/ Ausgrenzung innerhalb unserer Gesellschaft führen.

Interessant bei dieser Art der Betrachtung ist das Bild des „verhinderten Ausdrucks“. Schauen wir uns in kleinstem Kreise um, erkennen wir in Beziehungen zwischen Menschen jeglichen Alters diese „Verhinderung“ als Ursache für Kommunikationsstörungen und -krisen.

Schauen wir in den Bereich psychotherapeutischer Arbeit, sehen wir genau hier einen ihrer Schwerpunkte, nämlich die Entwicklung und Erarbeitung eines eigenen, individuellen Ausdrucks.

Betrachten wir die innen- oder außenpolitische Landschaft lassen sich Verhandlungsengpässe an nichtauflösbaren Verständigungsbarrieren festmachen.

Natürlich gibt es in allen Fällen spezifische Erklärungen für die Genese derartiger „Verhinderungen“, und trotzdem scheint ein roter Faden alle Situationen in ihrem Grundprinzip zusammenzufassen: der Mangel, die Verhinderung eines kommunikativen Ausdrucks nimmt die Voraussetzung für eine kontakt-offene Verständigung. Dort, wo der Einzelne auf seinen gefesselten Ausdruck beharren muß, kann er niemals den Ausdruck des Anderen erkennen.

In unserer Veranstaltungsreihe werden Sie neben den interessanten Vorträgen und hinreißenden Darbietungen vor allem Situationen erleben, in denen uns sog. behinderte Menschen durch ihr ungebrochenes, authentisches Dasein auf die Absurdität der Erörterung von Behindert- und Normalsein hinweisen.

Vielleicht kann so das „Europäische Jahr der Menschen mit Behinderung“ Anstoß sein für ein neues Nachdenken über das eigene Anderssein, über die Sehnsucht, einen eigenen Ausdruck dafür zu finden. Vielleicht können wir diese Fähigkeit ein bisschen von unseren Kindern abgucken? Vielleicht dürfen wir es dann irgendwann tatsächlich als normal empfinden, verschieden zu sein und dennoch zu einer gemeinsamen Sprache zu finden.

Chr. Joost-Plate, Vorsitzende Down-Syndrom-Hannover e.V

 

 

Donnerstag, 2.10.03, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee

Johannes Denger:

LebensOrte und LebensFormen: „Was ist gutes Leben?" Als Individuum in Gemeinschaft in der Gesellschaft leben.

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Die Grundfrage der Ethik nach dem "guten Leben" beantworten wir ganz lebenspraktisch durch die Art, wie wir leben wollen. Welche Entwicklungstendenzen zeigen sich in der modernen Zeitgenossenschaft und wie ermöglichen wir den Menschen mit einer sogenannten "geistigen Behinderung" teilzunehmen, teilzuhaben und beizutragen?

Johannes Denger ist Heilpädagoge und Waldorflehrer, Referent für Zeitfragen und Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit.

Als Referent beschäftigt sich Johannes Denger zur Zeit vordringlich mit dem Komplex Ethik und Behinderung und der sogenannten Heim-Debatte (Abschaffung der Heime).

 

 

Freitag, 03.10.03, 16.00 Uhr




Kinderzirkus Bunttropfen


Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee




Die Geschichte eines „Tropfens", der anfing, in immer schöneren Farben zu leuchten.

Es war eine kleine Gruppe von Kindern, die sich regelmäßig bei einem von ihnen zu Hause trafen, um Circus zu spielen. Sie verkleideten sich und machten das nach, was sie auf Bildern, im Circus oder in ihrer Phantasie sahen. Nach und nach wurden es immer mehr Kinder, die an dieser Art Freizeitgestaltung Interesse fanden.

Eltern nähten die ersten Kostüme und bauten Requisiten, und seit 1989 gibt es öffentliche Auftritte.

Alte Kinder gingen, neue kamen und auch die Trainer wechselten. Aber immer war das Publikum verzaubert von dem, was es geboten bekam.

Präsentiert werden klassische und ungewöhnliche Nummern, die spritzig, träumerisch und rasant, ein Programm für die ganze Familie bieten: Seiltanzen, Jonglage, Akrobatik, Einrad, Ropeskiping und Clowns: Unterstützt werden die 30 Artisten (Schüler) im Alter von 7 bis 16 Jahren dabei durch eine richtige Circus-Band.

 

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Dienstag, 07.10.03, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee
Eltern sprechen über ihr Leben mit Kindern mit Down-Syndrom. Podiumsdiskussion.


Eine völlig normale Schwangerschaft – aber plötzlich ist nichts mehr normal: die pränatale Diagnose lautet: Kind mit Down- Syndrom, die Empfehlung an die Eltern: Abort.

Eine völlig normale Entbindung – doch plötzlich verbreitet sich Nervosität und befangenes Schweigen im Kreißsaal: das Neugeborene hat das Down-Syndrom. Was nun? Der nach Geburten übliche Glückwunsch bleibt dem betreuenden Personal förmlich im Halse stecken.

Am heutigen Abend sprechen die Mütter von Elea, Finn, Mona und Falko über den Anfang und die vielen Stationen ihres Lebens mit ihren wunderbaren Kindern. „Es war ein schwerer Beginn – aber das Schönste, was mir in meinem Leben passieren konnte!“ so das Zitat einer der Frauen.

Die Podiumsdiskussion wird moderiert von Dr. Thomas Beushausen, Vorstand der Hannoverschen Kinderheilanststalt sowie ärztlicher Direktor des Kinderkrankenhauses auf der Bult.

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Freitag, 10.10.03, 20.00 Uhr



Gartensaal der Freien Waldorfschule Hannover Maschsee

Prof. Dr. Etta Wilken:

Förderung und Therapie ... alles zum Wohl des Kindes?

Es ist verständlich, dass Eltern, die von der Behinderung ihres Kindes erfahren haben, sich fragen, welche Möglichkeiten bestehen, durch Therapie und Förderung positive Veränderungen zu bewirken. Allerdings ist es zunehmend schwierig geworden, sich bei der bestehenden Vielfalt angebotener Therapien zu orientieren, was wirklich hilfreiche Maßnahmen sind.

Es ist deshalb wichtig, Therapie und Förderkonzepte kritische zu bewerten und die theoretischen Grundlagen und methodischen Vorgehensweisen nach dem zu Grunde liegenden Verständnis von Entwicklung und Lernen zu befragen.

Die Diskussion über die Effektivität von Therapie und Förderung darf jedoch nicht dazu führen, dass nötige Hilfen auf Grund von Sparmaßnahmen nicht oder nur noch erheblich eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Zusätzlich zu ihren Forschungstätigkeiten zum Down-Syndrom, die sie nach eigenen Worten als Hobby betreibt, hat Frau Prof. Wilken seit 1972 einen Lehrstuhl für Allgemeine und integrative Behindertenpädagogik an der Uni Hannover inne.

Ihr Buch "Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom" ist längst eines der Standardwerke der Fachliteratur. In der neuen Ausgabe wird das "GuK"- System vorgestellt. Durch diese Gebärden- unterstützte Kommunikation (GuK) können Kinder früh sprachlich aktiv werden und am normalen, gemeinsamen Leben unkompliziert teilnehmen.

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Samstag, 10.10., 15.00 -18.00 Uhr


Freie Waldorfschule Hannover Maschsee

„Markt der Möglichkeiten"



Ein Forum der Begegnung will der „Markt der Möglichkeiten“ am 11.10. sein. Informationen über Kindergärten, Schulen und Berufsmöglichkeiten für Menschen mit Down-Syndrom werden weitergegeben.  

Zahlreiche Institutionen nehmen die Gelegenheit wahr, sich vorzustellen. Auch im Freizeitbereich gibt es Beispiele integrativen Lebens.

Diverse Aktionen für die kleinen Leute regen zum Mitmachen an. Das beliebte, integrativ arbeitendes Café Artig betreibt die Kaffeestube.

Schon im letzten Jahr erfreute sich der “Markt der Möglichkeiten"? größter Beliebtheit. Neben intensiver Information über Lebens- und Arbeitsweisen in Lebensgemeinschaften wird wieder eine große Produktpalette (landwirtschaftliche Erzeugnisse, Holz-, Werk- und Schneiderarbeiten, Geschenkartikel, Spielzeug etc.) zum Einkaufen verführen.

Selbstverständlich gibt es während der gesamten “Marktzeit"? eine Kinderbetreuung.

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Sonntag, 12.10.03, 10.00 Uhr


Marktkirche

Abschlußgottesdienst


Mit unserem traditionellen Abschlussgottesdienst in der Marktkirche endet die „Woche des Down-Syndroms“. Auch in diesem Jahr wird er mitgestaltet durch Kinder und Erwachsene des Vereins „Down-Syndrom Hannover“. Den Gottesdienst hält Pastor Dr. W. Reinbold.


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Uns allen ist es ein besonderes Bedürfnis, nach den intensiven, anregenden und anrührenden Momenten während der „Woche“ in der Stille dieses Gottesdienstes Sammlung zu erfahren, um „sortiert“ und bereichert in das gewohnte Alltagsleben zurückkehren zu können.

Während des Gottesdienstes wird vor Ort eine Kinderbetreuung angeboten.

Dr. Wolfgang Reinbold ist Pastor an der Stadtsuperintendantur Hannover (Marktkirche) und Privatdozent für Neues Testament an der Georg-August-Universität Göttingen.