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26.09.2017 - Glücksmomente mit einem Chromosom mehr

Schlagzeuger mit Trisomie 21 gibt in hannoverscher Band den Ton an

Ihr Bandname ist Programm: Glücksmomente wollen selbige bescheren – und die dreiköpfige Band schafft’s auch, dem Zuhörer im Gleichklang ihrer Musik wohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen.  Popsongs aller Bourani und Co. servieren die Jungs im heimischen Keller des Bandleaders in Hannover. Dario Dee gibt mit seinen Drumsticks den Takt an. Der 21-jährige ist voll konzentriert und signalisiert Sänger Seyyid B.T. wie Gitarrist DaRed Mike das Startzeichen. „Kopf verloren“ steht jetzt auf dem Programm – ein Song, den Schlagzeuger Dario Dee selbst geschrieben hat. Ein Stück – ruhig und melancholisch wie bei Bourani. Ein Stück wie es in ähnlicher Form in anderen Nachwuchsbands auch im Repertoire sein könnte. Und doch anders. Weil es geschrieben wurde von einem jungen Mann mit Down-Syndrom, einem Mann mit einem Chromosom mehr als es der Durchschnittsmensch hat, einem Mann, den die Gesellschaft gern mal in die Schublade steckt als geistig behindert und wenig produktiv.

Dario Dee hat hehre Ziele; in der TUI-Arena würde er gern mal mit Glücksmomente auftreten, vielleicht sogar als Vorband von Bourani. Träume, die auch andere junge Leute hegen. Die Trisomie 21 – wie das Down-Syndrom ebenfalls bezeichnet wird – hindert ihn nicht in seinem Ehrgeiz. Er möchte ganz oben mitspielen, mit den Großen im Geschäft auf einer Bühne stehen. Der 22- jährige Seyyid B.T. holt ihn dann gern auf den Boden der Tatsachen zurück. „Wir machen Musik – und das ist gut so.“ Der Band gehe es vor allem um das Vergnügen bei der Sache, vom Niveau her ordne er das Trio eher in die Riege anderer Nachwuchsbands in Hannover ein, die auch gern mal auf Festivals, Schulfesten und ähnlichen kleinen Veranstaltungen spielen würden.

„Wir arbeiten gerade daran, zehn Songs am Stück in guter Form präsentieren zu können“, betont der 22-jährige, der derzeit eine Ausbildung zum Ergotherapeuten absolviert. Unterstützt wird er dabei von DaRed Mike, der wie er vor ein paar Jahren als Nachhilfelehrer und Begleiter für Dario Dee zu der Familie in Hannover gekommen ist. Heute habe sich eine dicke Freundschaft zwischen allen dreien entwickelt. „Dass wir bei unseren Treffen Spaß haben – das ist das Wichtigste“, meint der 23-jährige, der eine Ausbildung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker anstrebt.

„Unser Stil hat einfach nur mit Glück zu tun“, will es Dario Dee, der im Alltag eine Berufsschule in Bremen besucht, auf den Punkt bringen. So sei es auch zu dem Bandnamen gekommen. Rockballaden von den Beatles, Mainstream-Songs á la Giesinger und Foster – die Musiker zeigen sich vielfältig und haben eben auch eigene Songs im Gepäck. Zum Beispiel bei ihrem Auftritt beim Markt der Möglichkeiten am 21. Oktober im Haus der Region. Die Vereine „Mittendrin“ und „Down-Syndrom Hannover“ eröffnen mit der vielfältigen Informationsbörse zum siebten Mal die erfolgreichen Miteinanders-Tage im Herbst.

Aussteller aus den verschiedensten Bereichen prägen den Informationstreff rund um Inklusion. Um 15 Uhr gibt Sozialdezernent Erwin Jordan das Startzeichen für den Markt der Zukunftsideen mit Cafeteria und Co. Das bunte Programm darf natürlich nicht fehlen in der Veranstaltungskulisse in der Hildesheimer Straße 18. Mit von der Partie sind nicht nur die Jungs der inklusiven Band Glücksmomente, sondern auch kleine Künstler aus der Otfried-Preußler-Schule sowie Lili & Claudius, die an spannenden Experimentierstationen die Wunder der Natur spielerisch erklären. Ausprobieren ist hier ausdrücklich erwünscht. Attraktive Preise gibt’s zu gewinnen bei der Tombola zugunsten der Vereinsarbeit der Veranstalter. Und: Erstmalig bietet Jenny Klestil, Fotografin für das Projekt „Glück kennt keine Behinderung“, ein besonderes Shooting für Familien an. So viel Glück im Titel der Veranstaltung, da ist es nur es nur folgerichtig, dass die Rock- und Popgruppe mit eben diesem vielversprechenden Substantiv im Bandnamen „ein Hoch auf dieses Leben“ á la Bourani ausbringt.

 


15.09.2017 - „Inklusion – aus voller Überzeugung“

Otfried-Preußler-Schule ist innovativesVorzeigebildungshaus in Hannover

 

 

So viele Hände schnellen in die Höhe:  Die Jungen und Mädchen in der 2a der Otfried-Preußler-Schule beteiligen sich auch an diesem Morgen rege am Unterricht, schnipsen mit den Fingern, wollen drankommen. Was sich so selbstverständlich anhört, ist es nicht: Denn die „Lehrerin“ für kurze Zeit ist zu diesem Zeitpunkt ein achtjähriges Mädchen. Chiara nimmt ihre Schulkameraden der Reihe nach dran und fragt ab, was auf den To-Do-Karten für den Tag zu sehen ist. Und noch eine Besonderheit: Chiara hat das Down-Syndrom und drückt mit 20  Klassenkameraden mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam die Schulbank.

 

„Natürlich lernt jedes Kind auf seiner Leistungsstufe“, betont Alexandra Vanin, Rektorin der Otfried-Preußler-Schule in Hannovers Südstadt. In die Klasse 2a ihrer Schule mit dem Motto „Wurzeln geben – Vielfalt leben“ gehen vier Kinder mit so genannter geistiger Beeinträchtigung. Sie alle gemeinsam haben Anrecht auf Förderstunden, die es in der Summe möglich machen, dass in der 2a ständig ein Lehrer-Duo unterrichtet. Noch dazu stehen den Pädagogen drei Schulassistenten zur Seite, die aus einem schuleigenen Pool aus Inklusionshelfern kommen. Das unterstütze den Teamgedanken im Kollegium, erklärt die Schulleiterin und ergänzt: „Für die Lehrer ist es oft vorteilhaft, dass sie nicht mehr allein die auftretenden Probleme innerhalb einer Klasse bewältigen müssen.“ Schließlich gäbe aus auch immer mehr so genannte Regelkinder, die ebenfalls Unterstützungsbedarf hätten.

 

Seit neun Jahren befindet sich die Otfried-Preußler-Schule auf dem inklusiven Weg. Rektorin Margret Dahm, Vorgängerin von Alexandra Vanin, hatte das neue Zeitalter in dem Gebäude an der Meterstraße eingeläutet. Damals noch auf Druck von Eltern, „aber schon aus voller Überzeugung“, so die heutige Schulleiterin. Viel dazulernen mussten Lehrer, Eltern wie Schüler, um fürs gemeinsame Miteinander Hemmschwellen und Ängste zu überwinden. "‘Es ist normal, verschieden zu sein‘ ist seitdem das Motto unserer Schule", sagt Vanin. Für ihr innovatives Konzept und die gute pädagogische Umsetzung hat die Otfried-Preußler-Schule mittlerweile einige Preise eingeheimst.

 

Vergangenes Jahr ist die Schule in die Birkenstraße umgezogen. Die neuen Räumlichkeiten bieten den idealen Rahmen für gelebte Inklusion im Bildungsbereich. 374 Mädchen und Jungen besuchen derzeit die Vorbildschule für die gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder. 33 davon haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf - von der Sprache über die geistige Entwicklung bis hin zu den Bereichen Lernen, Hören, Sehen oder Motorik. Für eine gelungene Inklusion sei es Vanin zufolge nötig, alle mitzunehmen: die Kinder, die Eltern und nicht zuletzt die Lehrer. "Die Pädagogen, die eine gemeinsame Beschulung von behinderten und nicht behinderten Kindern umsetzen sollen, müssen darauf richtig vorbereitet werden", sagt sie. "Daran hapert es vielerorts noch."

 

Damit das gemeinsame Unterrichten funktioniert, wird darauf geachtet, dass die Schulklassen gut gemischt sind - und dass jedes Kind individuell gefördert wird. Viel Wert wird auf selbstorganisiertes Lernen gelegt, Teamarbeit wird großgeschrieben. Auch unter den Lehrkräften. Gemeinsam gestalten die Pädagogen den Unterricht so, dass jedes Kind Aufgaben bekommt, die seinem Wissensstand entsprechen. Die Rektorin ist überzeugt: "Es ist die Aufgabe von Schule, das Leben in seiner ganzen Vielfalt abzubilden." Zudem würden Studien belegen, dass Kinder in inklusiven Schulen bessere Leistungen erbringen. Sei eine Schulklasse durchmischt, profitierten beide Seiten: Die Kinder mit Förderbedarf würden sich vieles von ihren Schulkameraden abschauen, die Mädchen und Jungen ohne Beeinträchtigungen könnten ihr Wissen vertiefen und soziale Kompetenzen erlernen. Durch Projektarbeit, Lernen an Stationen und anderen Methoden der inklusiven Didaktik würden die Schüler nicht nur rund ums Fachwissen, sondern auch zu Kooperation und Rücksichtnahme geschult. Durch den Lehr-Lern-Effekt, der eintritt, wenn ein Mädchen oder Junge einem Mitschüler etwas erkläre, festige sich das Wissen des Kindes, das in die Lehrerolle geschlüpft sei.

 

In der Otfried-Preußler-Schule wird seit fast einem Jahrzehnt erfolgreich praktiziert, was momentan deutschlandweit ein großes Thema ist. „Wir haben unser großes Ziel noch nicht erreicht“, beschreibt die Rektorin weitere Pläne. „Wir sind erst eine richtige inklusive Schule, wenn wir auch Ausbildungsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen anbieten.“ Ideale Möglichkeiten würden sich beispielsweise in den Bereichen Küche, Bücherei und PC-Erfassung bieten. „Die jungen Leute mit Handicap haben ebenfalls das Recht auf Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt.“

 

Für Vanin steht fest: „Inklusion funktioniert – wenn sie richtig gemacht wird.“ Gern mache sie Aufklärungsarbeit und informiere sachlich über die verschiedenen Hintergründe von Beeinträchtigungen. Sie versuche, Vorurteile auszuräumen, ließe aber Stimmungsmache gegen Inklusion an ihrer Schule nicht zu. „Ich bin nicht ansatzweise bereit, Feindseligkeiten Tür und Tor zu öffnen.“ Das hat sich für die Schule in der Südstadt gelohnt: Jüngst wurde sie vom Deutschen Down-Syndrom-Center mit dem nationalen Preis für vorbildliche inklusive Arbeit ausgezeichnet.

 

Am Sonnabend, 21. Oktober, 15 bis 18 Uhr, präsentiert das Team der Otfried-Preußler-Schule Grundsätze und Vorhaben seines Hauses beim Markt der Möglichkeiten  im Haus der Region. Die Vereine „Mittendrin“ und „Down-Syndrom Hannover“ laden ein zu einem vielfältigen Nachmittag mit zahlreichen Informationen und buntem Programm. Weitere Informationen gibt’s im Internet unter http://www.down-syndrom-hannover.de/woche-des-down-syndroms oder beim Verein „Mittendrin“, Telefon: 0511/4500644.